Antifa Saar / Projekt AK
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Archiv // Texte // Redebeitrag der Antifa Saar / Projekt AK auf der Demo - 26.03.2005


Ich möchte Euch alle im Namen der Antifa Saar/Projekt AK begrüßen zu der heutigen Demonstration in Homburg, anlässlich eines brutalen Überfalls auf antifaschistische Jugendliche gestern vor einer Woche. Mit den Worten auf den Lippen "Das ist mein Land und hier habe ich das Recht" und der Überzeugung im Kopf genau dieses Land von "Volksschädlingen" befreien zu müssen traten und schlugen sechs junge Neonazis auf einen 19jährigen ein, bis dieser schwer verletzt am Boden lag. Seiner Begleiterin wurde das T-Shirt mit der Aufschrift "Gegen Nazis" ausgezogen um es dann zu verbrennen. Dies widerfuhr dann auch noch einer zweiten Frau in der Nähe des JUZ. Kurz nach den Ereignissen wurden wir telefonisch darüber informiert. Eigentlich wollten wir es uns an diesem Abend draußen mit ein paar Bierchen und Freunden gemütlich machen, um dem Mief der deutschen Gesellschaft zumindest scheinbar und kurzzeitig zu verdrängen. Aber der Gestank hatte uns eingeholt. Es hatte einen guten Freund von uns erwischt. Eine junge JUZ-Besucherin schien sich noch in den Händen der Neonazis zu befinden. Erst als sich die Situation aufklärte, Leute im Krankenhaus vorbeischauen konnten und klar war, dass sich nun niemand mehr in der Gewalt der Neonazis befindet, konnten wir damit beginnen über das Geschehene genauer nachzudenken. Und glaubt mir, dabei kommt einem einfach das Kotzen.
Denn was war eigentlich Geschehen? - Nichts Besonderes, oder? Deutsche schlagen mal wieder diejenigen zusammen, die in ihr Bild vom "Deutsch-Sein" nicht so richtig reinpassen. Das sind Sinti & Roma, Dunkelhäutige, Juden, Obdachlose oder wie hier in Homburg "Jugendliche, die darauf scheißen, deutsch zu sein". Und so was ist im Osten der Republik in fast jedem Dorf Alltag. Und auch im Westen sind solche Vorfälle die Regel und nicht die Ausnahme. Schon lange findet nicht mehr wegen jedem Übergriff eine antifaschistische Demonstration statt. Auch wir haben uns irgendwie daran gewöhnt. Trotzdem haben wir noch am selben Abend beschlossen zu einer Demo aufzurufen und haben uns auch gefreut, direkt von vielen zu hören, dass sie uns unterstützen wollen. Aber eines wollten wir auf keinen Fall. Dass am Tag nach der Demo in der Zeitung steht "Homburg zeigt sein wahres antifaschistisches Gesicht - alles wieder palletti". Denn auf einen "Aufstand der Anständigen" um den Ruf Homburgs in der Region oder das Bild Deutschlands in der Welt zu verbessern, können wir gut und gerne verzichten. Vielmehr wollen wir darauf aufmerksam machen, dass sich die hässliche Fratze im Herzen Europas wieder aufrichtet und dieses Mal der richtige Zeitpunkt zum Zuschlagen nicht verpasst werden darf.

Die meisten von Euch sind heute wahrscheinlich hier um ein Zeichen zu setzen gegen Neonazis. Weil ihr von den Vorfällen hier in Homburg gehört habt und vielleicht auch einen oder eine der Angegriffenen persönlich kennt.
Und es stimmt: offen neonazistische Strukturen haben sich auch im Saarland wieder etabliert. Eine nicht geringe Anzahl junger und auch älterer Leute stellen sich ganz offen in die Tradition ihrer Eltern- und Großelterngeneration. Sie nennen sich "Nationaldemokratische Partei Deutschlands", "Nationaler Widerstand" oder auch "Kameradschaft so und so". Diese Gruppierungen haben Zulauf, Tonträger der kürzlich verbotenen Neonazi-Band Landser sind auch schon Grundschülern bekannt, die Wahlergebnisse der NPD im Saarland und ihr Einzug ins sächsische Parlament muss ich hier wohl nicht ausführlicher erwähnen. Und tatsächlich sind es oft diese Gruppen, aus denen bzw. aus deren Umfeld dann diejenigen stammen, die auf die Suche nach in ihren Augen "undeutschem" und somit "lebensunwertem Leben" gehen.
Erinnert sei an dieser Stelle an den Mord an Samuel Yeboah in Saarlouis vor 13 Jahren. Erinnert sei auch an Ahmed Sharlak der im August vor drei Jahren in Sulzbach von einem stadtbekannten Neonazi ermordet wurde. Ein Mord, der wie so viele noch nicht einmal in der Statistik so genannter "rechtsextremer Straftaten" auftauchte. Denn es kann nicht sein was nicht sein darf! Und wie wir ja alle wissen gibt es keine Nazis mehr in Deutschland. Denn die hatten nur ein kurzes Gastspiel von 1933 - 1945 und wo sie genau herkamen, dass weis heute auch keiner mehr so genau. Ein seltsames Phänomen. Und genau so wie diese Nazis auftauchten, verschwanden die Juden aus Deutschland. Angeblich wusste keiner wohin. Aber bei den Wohnungs- und Geschäftsauflösungen, den so genannten Arisierungen machten viele ihr Schnäppchen. Woher kommt noch mal deine Brosche, Oma? Und woher hattet ihr damals euer neues Sofa, Opa? Denjenigen die eine Antwort auf solche Fragen haben wollen, sei die Ausstellung "Deutsche verwerten das Eigentum ihrer jüdischen Nachbarn" ans Herz gelegt. Denn diese Transaktionen wurden natürlich genauestens dokumentiert. Schließlich muss alles seine Ordnung haben. Ein Spruch den man übrigens auch in der Auseinandersetzung mit deutschen Behörden bei der Anmeldung einer Demonstration wie der heutigen mehrmals zu hören bekommt.
Wo war ich gerade - ah ja - bei diesen Nazis. 5000 von den Aktuelleren dieser Sorte marschierten vor wenigen Wochen durch Dresden um den deutschen Opfern der Bombardierung der Stadt zu gedenken. Tausende Dresdner Bürger taten im Grunde genommen das Gleiche auch wenn sie sich von den Nazis erstmal distanzierten. Bundeskanzler Schröder erklärte zu diesem Tag bezogen auf die NPD: "Geschichtliche Zusammenhänge werden verfälscht, die Schuld und Verantwortung, die Nazi-Deutschland für den Ausbruch des zweiten Weltkriegs, für Vernichtung und Terror hatte, wird gar geleugnet." Da hat er Recht. Aber wenige Sätze später gings dann weiter "Brücken bauen, Versöhnung leben - das ist die Botschaft des 13. Febru,r eine Botschaft die in Dresden ebenso verstanden wird wie in Coventry, Guernica und anderen Orten die Opfer des Krieges wurden". Lasst euch das mal in euren Gehörgängen zergehen: "in Dresden ebenso verstanden wird wie in Coventry, Guernica und anderen Orten die Opfer des Krieges wurden." Der Zeitungsredakteur Hermann Gremliza stellte daraufhin in einer seiner Kolumnen die berechtigte Frage: "Waren die Bewohner Coventrys und Guernicas Mitglieder und Wähler einer Partei, die die sich die Vernichtung der Juden, der Kommunisten, der Sinti und Roma, der Homosexuellen, der Behinderten auf die Fahnen geschrieben hat? Haben auch sie sich an dem Vermögen der vor ihren Augen abgeholten Nachbarn bereichert, dem obersten Mörder zwölf Jahre lang "Wir wollen unsern Führer sehn" zugerufen und auf die Frage, ob sie den totalen Krieg wollten Ja! gebrüllt? Gar auf die Nachfrage "Wollt ihr ihn, wenn nötig, totaler und radikaler, als wir ihn uns heute überhaupt noch vorstellen können?" noch lauter? Wurden sie deshalb Opfer ein und desselben Täters "der Unmenschlichkeit des Krieges" ?" (Konkret März 2005)

Jaja - die Deutschen. Erst 6 Millionen Arbeitslose dann vom Führer verführt und letztlich von den Allierten um den versprochenen SIEG geprellt. Es ist wirklich zum Heulen!

Für den kommenden Samstag rufen antifaschistische Gruppen zu einer Demonstration nach Neuhof bei Fulda auf um dort den Jahrestag der Besatzung durch alliierte Truppen und somit das Ende der Naziherrschaft zu feiern. Mensch darf gespannt sein, ob die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner mit ihnen feiern werden oder ob sich dieser Tag als Tag der Schmach und der Niederlage ins kollektive Gedächtnis gebrannt hat. Wir wünschen der Demonstration jedenfalls heute schon mal viel Erfolg.

Zu den Nazis möchte ich eigentlich nicht viel mehr Worte verlieren. Vieles was dazu gesagt werden muss, wurde in den vergangenen Jahren schon gesagt. An dieser Stelle deshalb noch ein kurzes Zitat von Wiglaf Droste "Verbaler Antifaschismus ist Käse. Militant soll er sein, vor allem aber erfolgreich. Wenn sich dabei herausstellen sollte, daß es sich gegen 50, 60, 70, 80 oder 90 Prozent des deutschen Volkes richtet, dann ist das eben so. Wo Nazis "demokratisch" gewählt werden können, muß man sie nicht demokratisch bekämpfen".
Und auf noch etwas möchte ich aufmerksam machen. Abschiebungen! Oder wie es im so bürokratendeutsch so schön heißt "Rückführungen ins Heimatland". Auch die sind an der Tagesordnung in der Republik. Jährlich werden Tausende aus ihrem gewohnten Lebensumfeld gerissen zum Frankfurter Flughafen verfrachtet und in ihr angebliches Heimatland gebracht. Auch dann, wenn sie hier geboren wurden und die Sprache des Landes in das sie "rückgeführt werden" nicht sprechen können. Auch hierfür gibt es Beispiele. Das bekannteste Beispiel im Saarland ist wohl immer noch die Familie Özdemir. Aber das ist bei weitem nicht der letzte Fall gewesen. Nur die Wenigsten geraten an die daran zum Großteil uninteressierte Öffentlichkeit.

Das sind sie - die deutschen Zustände gegen die wir heute demonstrieren!
Gegen Nazis, Rassismus und Antisemitismus! Gegen Deutschtümelei!
Für eine Welt in der der Mensch nicht mehr des Menschen Wolf ist!

Antifa Saar / Projekt AK